Fünf Jahre Sannmanns Biogärten – ein persönlicher Rückblick

Von Cornelia Brühl.

An einem recht grauen Tag im März 2015 saß ich in meiner Küche und las das Bille Wochenblatt. Eine Meldung fiel mir ins Auge. Ein eigener Bio-Gemüsegarten, betreut und auf dem lauschigen Hof Eggers in der Ohe. Biogemüse aus dem eigenen Garten. Witzig, dachte ich und legte die Zeitung beiseite.

Später am Abend musste ich plötzlich an den Gemüsegarten meiner Großeltern denken. Salat, Möhren, Pfefferminze. Ich musste lächeln. Mehr Erinnerungen kamen, Bohnen schnippeln, Omas gefürchteter Bohneneintopf. Johannisbeeren pflücken und Kartoffeln ausgraben. Erbsen auspulen. Der Geschmack von Borretsch und Dill im Gurkensalat.

Am nächsten Morgen holte ich das Bille Wochenblatt aus der Altpapierkiste. Man kann sich das ja mal angucken, dachte ich.

Zum Infotermin im April erschienen zwei nette Damen und führten uns auf ein Stück brachliegendes Land. Kein Garten weit und breit. Es regnete. Die Damen sprachen freundlich von Dingen, die ich nicht verstand. Parzellen? Jungpflanzen in Tunneln?! Beikräuter? Durchnässt und verfroren fuhr ich nach Hause. Beim Tee am Küchentisch dachte ich wieder an Omas Garten. Na ja, das war ja wohl kein Vergleich.

Bevor ich an diesem Abend schlafen ging, buchte ich meine Gartenparzelle bei Sannmanns Biogärten auf Hof Eggers.

Damals war ich noch berufstätig und erzählte montags meinen Kolleg*innen davon. Es kamen nur Fragen. Die hatte ich mir aber auch schon selbst gestellt. Wann willst du das denn noch machen? Was hast du denn mit Gartenarbeit am Hut? Warum hast du das gemacht?

Ja, warum hab ich das gemacht?

Inzwischen sind fünf Jahre vergangen, und ich mache es immer noch. Es wäre vermessen, wenn ich jetzt sagen würde, ja, ich wollte den politischen Gedanken dahinter unterstützen, oder den Demeter Gedanken. Nein, das kam später. Zuallererst wollte ich einfach einen Garten haben. So.

Die Erinnerung an Omas Gemüsegarten, die sich mir so hartnäckig aufdrängte, stand ja für Etwas. Kindheit, Leichtigkeit, einfache Welt und einfache Zusammenhänge. Du tust es in den Boden und es wächst. Du erntest es und isst es. Super simpel.

Das erste Jahr war prima! Ich verbrachte Stunden in meinem Garten. Manchmal saß ich einfach nur da und schaute dem Gemüse zu. Alles wuchs und gedieh prächtig. Ich lernte dazu. Ich las wunderbare Bücher, zum Beispiel von den Schwestern der Benediktinerinnen Abtei zu Fulda, die gegen alle Widerstände einen Klostergarten aufbauten, der noch heute einzigartig ist. Ich las in Mondkalendern, Pflanzkalendern, alten Büchern über Nutzpflanzen und manchmal las ich auch einfach nur die Gemüsebeschreibungen auf Wikipedia. Mir erschloss sich eine völlig neue und faszinierende Welt.

Gleichzeitig stellte sich ungeahnte Erholung ein. Die Stunden, die ich in meinem Garten verbrachte, waren erholsam und geradezu meditativ. Mir fehlte die Zeit nicht, im Gegenteil, ich hatte das Gefühl, Zeit gewonnen zu haben. Vor allem aber hatte ich das Gefühl, etwas zu tun, das auf wundersame Weise ganz und gar zu mir gehörte.

Natürlich ging auch einiges schief. So war ich zum Beispiel aus unerklärlichen Gründen der Ansicht, dass unter dem Kulturschutznetz kein Unkraut wachsen könne... Leider befanden sich zwei Reihen Möhren unter dem Netz und ich verbrachte einen ganzen Sonntag auf Knien in meiner Parzelle, um die Möhren freizulegen.

Oder ich war der festen Ansicht, dass bestimmte Mini-Pflänzchen meine ausgesäten Pastinaken sein müssten, und ich entfernte alles andere. Das Ergebnis war eine Reihe Kamille und keine einzige Pastinake. Überhaupt Pastinaken: Im zweiten Jahr betreute meine Gartenfreundin meine Beete, als ich im Urlaub war. Auch sie hat gründlich „Unkraut“ entfernt. Wieder keine Pastinaken. Im dritten Jahr soffen sie ab.

Genug von diesen Dingen. Das erste Jahr war prima, ich buchte gleich wieder eine Parzelle für das nächste Jahr. Anfang Februar wurde ich unruhig und konnte kaum erwarten, dass es wieder losging. Das geht mir bis heute so. Eine Freundin nennt das mein „Bauerngen“.

Das zweite Jahr war schon anstrengender. Der Boden verhärtete sich, das Gemüse tat sich schwer. Das Wetter war schlecht. Auf große Wärme folgten sieben Wochen Regen. Dennoch war die Ernte gut.

Im dritten Jahr wurde es allerdings noch schlimmer. Der Boden blieb fest, und es regnete ununterbrochen. Das Gemüse verkümmerte, stand im Wasser und verfaulte. Die netten Damen vom Anfang gaben Durchhalteparolen aus. Nicht alle fanden das gut. Es regnete. Ich las ein Buch über Selbstversorgung aus dem Biogarten und mein Gemüse vergammelte.

Die Stimmung ging in den Keller. Ich war jedes Mal nass, wenn ich vom Acker kam. Lehm klebte an allem und ließ sich kaum noch entfernen. Es gab fast nichts zu ernten. Ich überlegte mir, ob ich wirklich wieder einen Garten haben wollte. Wollte ich das wirklich weiter machen? Die Biogärten sollten jetzt umziehen nach Ochsenwerder, ja, ja, dann würde alles besser, ja, ja.

Wie man sieht, habe ich weiter gemacht. Was mich dazu gebracht hat, war vor allem der Schreck bei dem Gedanken, keinen Garten mehr zu haben. Es war aber auch die Erkenntnis, dass die beste gärtnerische Absicht nichts gegen die Natur ausrichten kann. Wenn es sieben Wochen regnet, dann ist das leider so. Und wenn es sieben Wochen und noch länger heiß und trocken ist, dann ist das auch so.

Mit dieser Erkenntnis kam natürlich auch die Einsicht, dass es nicht so simpel ist, wie anfangs gedacht. Man tut es nicht in die Erde und dann wächst es. Meine Lektüre änderte sich. Ich las über biodynamische Landwirtschaft und Demeter Anbau. Ich las über Saatgut, das von der Welt verschwindet, weil Konzerne darüber befinden, was angebaut werden darf und was nicht. Ich las über die Strukturen der industriellen Gemüseproduktion. Wer glaubt im Ernst, dass ein Bund Möhren für 99 Cent zu haben sein kann, oder ein Kopf Salat für 39 Cent?!

Und jetzt haben wir November 2019, fünf Jahre sind vorbei und es gibt die Biogärten immer noch. Ich habe wieder zwei gute Erntejahre erlebt, trotz der Wetterkapriolen. Mein Garten wird für mich von Jahr zu Jahr mehr wie der Garten meiner Großeltern. Er ernährt mich und ich hege und pflege ihn. Manchmal lasse ich ihn auch einfach machen, das mag er. Ich bin dankbar.

Und eigentlich sind die Biogärten auch ein politisches Statement. Alle Gärtner*innen in Sannmanns Biogärten haben zumindest einen Sommer lang Gemüse in seiner gesündesten Form angebaut, geerntet und verarbeitet. Sie haben sich selbst um das gekümmert, was sie essen wollen. Und das ist, neben allem anderen, gelebter Klimaschutz!